Pränatale akustische Wahrnehmung
0.) Einleitung
1.) Aufnahmetechniken
2.) Entwicklungsstadien des Embryos
3.) intrauterines
akustisches Milieu
4.) Ausblick
5.) Quellennachweis
0.)ÝEinleitung
ÝÝÝÝÝÝÝ Vor 110 Jahren schrieb Preyer in seinem Buch "Spezielle
Physiologie desÝÝÝÝÝÝÝÝ Embryo": "Das Kind hat vor seiner Geburt mit
einer
an GewisheitÝÝÝ streifenden Wahrscheinlichkeit keinerlei
Schallempfindungen"
Seither beschaftigen sich Disziplinen wie Embryologie und
Psychoanalyse, Neurophysiologie und Musikwissenschaft,
Entwicklungspsychologie und Wahrnehmungsphysiologie sowie die
Psychobiologie mit der Frage was der Fetus im Mutterleib hort.
Interssant ist das Thema, weil in der Psychologie auch heute noch
die These vorherrscht, die Geburt ware der erste, plotzliche Kontakt
mit der Aussenwelt und stelle insofern ein traumatisches Erlebnis
dar.
Nachweise pranatalen Horens wurden bedeuten, das uber
kinesthetische Wahrnehmung hinaus hier Keime erster
Objektvorstellungen entstehen konnten. Eine grose Rolle fur die
Unterscheidung von Selbst und Nicht-Selbst scheinen hier rhythmische
Vorgange zu spielen.
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1.)ÝAufnahmetechniken
Systematische Versuche zur Erkundung des intrauterinen akustischen
Milieus begannen 1925 mit Peiper. Nach Beschallung schwangerer
Frauen mit einer Kraftwagenhupe registrierte er kymographisch fetale
Kopfbewegungen an der mutterlichen Bauchdecke und schlos so auf
Wahrnehmungsereignisse. Um auszuschliesen, das die fetale Reaktion
via hormoneller Reaktion der Mutter entsteht vertaubte man die
Mutter mittels Rauschgeneratoren, verstopfen der Ohren, ...
Die nachsten Versuche unternahm Fleischer 1955. Seine Schallquelle
war ein Streckenarbeiter-Warnhorn welches er mit einer Grundfrequenz
von 520Hz und einer Initiallautstarke von 115 Phon in 30cm
Entfernung vom fetalen Kopf anbrachte. Auch er beobachtete eine
fetale Reaktion ab dem 7. Monat, ein Reaktionsmaximum im 9. Monat.
Allerdings legen die verwendeten Schallquellen die Vermutung einer
auch vibratorischen Stimulation nahe.
In den folgenden Jahren verfeinerten sich sie Mesparameter; so
waren z.B. fetale Herzreaktion (Murphy 1962), EEG-Signale (Barden,
Peltzmann 1968), grobmotorische Extremitatsbewegungen
(Granier-Deferre, Lecanuet 1985) oder Blinzelreflexe (Birnholz,
Benaceraff 1983) Gegenstand der Untersuchungen.
Die vorliegenden Arbeiten zeigen, das der Fetus zwar reagiert, fur
eine nachweisbare Reaktion allerdings hohe Schalldrucke erforderlich
sind. Hierzu gabe es folgende Erklarungen:
a) Lautstarkeverlust des akustischen Signals
b) Niedrige akustische Sensitivitat des Feten
c) Erfassung der fetalen Schreckreaktion als methodisches Problem -
ÝÝÝÝ moglicherweise auch Wahrnehmung von Reizen geringerer
Intensitat ohne wahrnehmbare motorische Reaktion.
d) hoher intraabdomineller Schallpegel durch Hintergrundgerausche
(Herzschlag der Mutter, Darmgerausche, Gefasgerausche, uterine
Kontraktionsgerausche, Stimme der Mutter)
Eine genauere Untersuchung dieser intrauterinen Gerausche wurde
erstmals 1971 von Walker u. Grimmwade vorgenommen. Sie installierten
unmittelbar vor dem Blasensprung ein uterines Microphon in
unmittelbarer Nahe des kindlichen Kopfes. Zusatzlich wurde die
Vagina zur Abschirmung externer Schallereignisse ausgepolstert. Die
Mediziner registrierten einen intrauterinen Schallpegel von ca.
85dB. 300msec nach der R-Zacke im mutterlichen EKG steigerte sich
dieser Pegel auf 95dB.
NebenÝ dem hohen Hintergrundgerauschpegel wurde eine zweite
Beobachtung gemacht: Je hoher die Frequenz des Schallreizes, desto
weniger lies sich diese intrauterin bestimmen. Bei Frequenzen von
2000 und 5000Hz lies sich das gesetzte Signal nicht mehr vom
Hintergrunggerauschpegel unterscheiden.
Weitere Untersuchungen nahm 1975 Murooka vor. Er und seine
Mitarbeiter fuhrten mit einer Sonde ein piezo-elektronisches
Mikrophon in den Uterus schwangerer Frauen ein. Die Analyse des
Frequenzspektrums ergab damals, das sich die Gerausche hauptsachlich
aus Gefasgerauschen zusammensetzen.
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2.)ÝEntwicklungsstadien
Ein kurzer Abris der Entwicklungsstadien des Embryos
- Auseres Mittel- u. Innenohr in der 6.SSW(2.5 Mon) angelegt
- Diese Strukturen sind zwischen der 12. u. 16.SSW(3-4 Mon)
weitgehendÝ etwickelt.
- Bis zur 35.SSW(9 Mon) ist die Schallubertragung wegen der
Einbettung der Gehorknochelchen gedampft, so das Schallubertragung
wohl im wesentlichen uber die Knochenleitung stattfindet.
- Die Sinneszellen auf der Basilarmembran registrieren anfangs nur
tiefe Frequenzen, die Empfindlichkeit fur hohe wachst langsam.
- Zu den Sinneszellen entwickeln sich parallel die entsprechenden
Zellen der Horrinde, so das Horwahrnehmung anatomisch ab der
16.SSW(4. Mon) moglich ist.
- Die akustischen Informationen dienen nur zu einem kleinen Teil
der Entschlusselung des Gehorten, sonder stimulieren - z.B. uber die
thalamitische Achse - zahlreiche Gefuhlsqualitaten. (10% als
akustische Information encodiert - 90%Ý losen Gefuhlsqualitaten aus)
- In der Regel werden Reaktionen auf akustische Stimulationen in
der 24.-25. SSW(6. Mon) beobachtet. Die mesbare Reaktion bedeutet
aber nicht, das der Fetus erst dann zu akustischer Perzeption in der
Lage ist.
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3.)ÝWas
nimmt der Fetus wahr - kann er sich erinnern?
Bisherigen Anschauungen zufolge maskieren die intrauterinen
Gerausche einen Grosteil der von ausen in den Uterus eindringenden
Signale, sofern sie nicht uber einen Schallpegel von mind. 80dB
verfugen und unter einer Frequenz von 2000Hz liegen.
Diese Anschauung muste nach den Forschungsergebnissen von Lecanuet
(1996) revidiert werden:
a) Intrauterine SPLs sind nicht einheitlich im Uterus
b) Der mutterliche Herzschlag ist nicht die starkste Komponente der
akustischen Umgebung des Fetus - Herzschlag und Gefasgerausche
maskieren nicht den Grosteil externer Gerausche
c) Sprache in Konversationslautstarke, in der Nahe der Mutter, hebt
sich in seinen Komponenten uber 100Hz von den Hintergrundgerauschen
ab und wird nur sporadisch, wenn uberhaupt, maskiert - die
Prosodie(Sprachmelodie) bleibt in jedem Fall erhalten.
Eine immer groser werdende Zahl an Forschungsergebnissen legt den
Schlus nahe, das es auch eine Erinnerung an die pranatal gewonnenen
Sinneseindrucke gibt:
In einem Experiment von DeCasper lasen Mutter in regelmasigen
Abstanden eine Geschichte laut vor. Nach der Geburt konnten die
Babys durch saugen an einem nicht-nutritiven Nippel aus
verschiedenen Aufnahmen auswahlen. Die Sauglinge stellten auch ihre
Sauggeschwindigkeit so ein, das die Aufnahme von ihrer die
Geschichte erzahlenden Mutter erklang. Auf ahnliche Weise werden
auch musikalische Passagen, die wahrend der Schwangerschaft
wiederholt gespielt wurden, nach der Geburt identifiziert und
bevorzugt.
In einem anderen Experiment lasen Mutter Kinderreime jeden Tag von
der 32. bis zur 37. Schwangerschshaftswoche laut vor. Nach dieser
Zeit zeigten die Feten, eine andere Reaktion als auf Reime die sie
nicht vorher gehort hatten.
Akustische Spectroskopie der Lautauserungen von Feten zeigt, das ab
der 27. Schwangerschaftswoche der Schrei der Feten alle
rhythmischen, Sprach -und Stimmcharakteristiken der Mutter enthalt.
Daruberhinaus haben Feten auch die Fahigkeit zur Geschmacks-,
Geruchs- und Gefuhlswahrnehmung. (Ich mochte dazu sagen, das die
letztgenannten Daten von popularwissenschaftlichen Untersuchungen
aus den USA stammen)
Die entwicklungspsychologische Funktion derartiger Perzepte ist
bislang nicht geklart worden. Insbesondere stehen differenzierte
Untersuchungen zur Auswirkung fruher akustischer Erfahrungen auf die
Reifungsgeschwindigkeit, den Spracherwerb und die Ausbildung von
Musikalitat noch aus. Mythen wie "der Fetus liebt vor allem Mozart"
konnten auch von Popularwissenschaftlern wie Salk, der dies zu
beweisen versuchte, nicht empirisch belegt werden.
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5.)ÝAusblick
Wir besitzen also rein anatomisch die Fahigkeit uns bis an
vorgeburtliche Sinneswahrnehmungen zuruckzuerinnern. Diese
Moglichkeit ist die Grundlage fur eine Reihe von Experimenten die
ich im Sommer mit einem Isolationstank machen mochte. In einem
Setting soll eine moglichst genaue Rekonstruktion der Situation im
Mutterleib erfolgen. Der Isolationstank gewahrt eine vollkommene
Abschirmung nach ausen und in seinem mit Kochsalz gesattigtem Wasser
hebt sich die Schwerkraft auf. Mittels Lautsprecher werden nun
intrauterine Gerausche, Musik, Umweltgerausche oder eine Mischung
aus allem in den Tank eingeleitet.
Welche Gefuhlsqualitaten dieses Setting induziert bleibt herauszufinden.
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Quellennachweis:
http://www.birthpsychology.com
Jean Piere Lecanuet: Prenatal exposure to speech stimuli
http://fnord.dur.ac.uk/eurodev/news3/conf_spain.html
Schmidt, Lamparter, Deneke: Pränatale akustische Wahrnehmung
Rosario N. Rozada Montemurro, Singing Lullabies to Unborn Children:
Experiences in Village Vilamarxant, Spain
Pier Luigi Righetti, The Emotional Experience of the Fetus: A
Preliminary Report
Volume 10 (2) Winter, 1995
John Sonne, M.D., Prenatal Themes in Rock Music
Volume 10 (3) Spring 1996
James W. Prescott, Ph.D., The Origins of Human Love and Violence
Busnell, Granier-Deferre, and Lecanuet 1992
Shahidullah, S. and Hepper, P. G. (1992). Hearing in the Fetus:
Prenatal Detection of Deafness. International J. of Prenatal and
Perinatal Studies 4(3/4): 235-240.
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